Internationale Schulprojekte als Schlüssel für Motivation und Selbstständigkeit: Eine empirische Analyse im Kontext von Erasmus+
Internationale Schulprojekte sind längst nicht mehr bloß ergänzende Lernangebote, sondern zentrale Bausteine einer zukunftsorientierten Bildung. Sie eröffnen Räume für authentische Erfahrungen, die weit über die Grenzen des Klassenzimmers hinausreichen. In einer Zeit, in der Globalisierung und digitale Vernetzung die Lebenswelt junger Menschen prägen, gewinnen solche Projekte eine besondere Bedeutung. Sie fördern nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch personale Fähigkeiten wie Eigenverantwortung, Selbstorganisation und interkulturelle Sensibilität. Die vorliegende Untersuchung am Bundesgymnasium Zehnergasse Wiener Neustadt zeigt, wie internationale Lernformate Motivation und Selbstständigkeit von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe II beeinflussen und warum sie für die schulische Bildung unverzichtbar sind.
Die theoretische Grundlage dieser Analyse bildet die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan, die drei psychologische Grundbedürfnisse für intrinsische Motivation definiert: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Internationale Projekte erfüllen diese Bedürfnisse in besonderer Weise. Lernende erleben Selbstwirksamkeit, indem sie eigenständig Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und ihre Arbeitsergebnisse in einem realen, internationalen Kontext präsentieren. Sie erfahren soziale Eingebundenheit durch die Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern und entwickeln das Gefühl, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Diese Faktoren schaffen ein Lernumfeld, das nicht durch äußeren Druck, sondern durch Sinnhaftigkeit und persönliche Relevanz geprägt ist.
Die empirische Untersuchung stützt sich auf zahlreiche Erasmus+ Projekte, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler gemeinsam an interdisziplinären, projektbasierten Aufgabenstellungen zu Fairtrade und Nachhaltigkeit gearbeitet haben. Diese Projekte fördern nicht nur die Auseinandersetzung mit ökologischen und globalen Wirtschaftsfragen, sondern stärken zugleich zentrale Werte der Europäischen Union wie Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte. Darüber hinaus tragen sie wesentlich zur Entwicklung von European Citizenship, interkultureller Kompetenz, sozialer Verantwortung sowie einem vertieften Verständnis für die Bedeutung von Solidarität, Vielfalt und aktivem gesellschaftlichem Engagement in Europa bei.
Die Evaluation erfolgte mittels teilstandardisiertem Fragebogen, der sowohl quantitative als auch qualitative Daten erfasste. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Mehrheit der Teilnehmenden berichtete von einer deutlich höheren Lernmotivation im Vergleich zum regulären Unterricht. Viele gaben an, sich stärker eingebracht zu haben, weil sie die Projektarbeit als sinnvoll und praxisnah empfanden. Die Aussicht, die eigenen Ergebnisse im Ausland zu präsentieren, wirkte als starker Motivator. Selbst zurückhaltende Schülerinnen und Schüler engagierten sich aktiv, was auf die besondere Dynamik internationaler Projekte hinweist.
Auch die Selbstständigkeit wurde signifikant gestärkt. Jugendliche planten und organisierten Aufgaben eigenverantwortlich, trafen Entscheidungen und übernahmen Verantwortung für sich und andere. Sie erlebten, dass Selbstständigkeit nicht nur gefordert, sondern auch wertgeschätzt wird. Diese Erfahrungen führten nicht nur zu fachlichem Lernen, sondern auch zu einer nachhaltigen Veränderung im Lernverhalten und Selbstvertrauen. Viele Teilnehmende berichteten, dass sie sich nach dem Projekt selbstständiger fühlten. Nicht nur im schulischen Kontext, sondern auch im persönlichen Alltag. Die qualitative Analyse verdeutlicht, dass die Kombination aus realer Begegnung, authentischen Aufgaben und interkulturellem Austausch entscheidend für die Wirkung ist. Projekte wie das untersuchte Erasmus+ Format schaffen Bedingungen, die klassische Unterrichtsformen kaum bieten können. Sie verbinden kognitive, soziale und emotionale Lernprozesse und fördern Kompetenzen, die für die Zukunft unverzichtbar sind.
Die Ergebnisse zeigen zudem, dass internationale Projekte nicht bei allen Lernenden die gleiche Wirkung entfalten. Persönlichkeitsmerkmale, Sprachkompetenz und der Grad der aktiven Beteiligung beeinflussen den individuellen Nutzen. Dies verdeutlicht, dass solche Projekte kein Selbstläufer sind, sondern pädagogisch sorgfältig geplant und begleitet werden müssen. Entscheidend ist, den Lernenden Gestaltungsspielräume zu eröffnen, Reflexionsphasen zu integrieren und individuelle Stärken zu berücksichtigen. Nur so können internationale Projekte ihr volles Potenzial entfalten.
Internationale Schulprojekte sind damit kein „Add-on“, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Bildung. Sie tragen zur Persönlichkeitsentwicklung bei, stärken Weltoffenheit und interkulturelle Handlungsfähigkeit und bereiten Jugendliche auf die Anforderungen einer komplexen Welt vor. Schulen sollten diese Potenziale konsequent nutzen und internationale Lernformate strukturell verankern, um Bildung nicht nur als Wissensvermittlung, sondern als ganzheitlichen Entwicklungsprozess zu gestalten. Die vorliegende Untersuchung liefert empirische Evidenz für die Wirksamkeit solcher Projekte und zeigt, dass sie nicht nur kurzfristige Motivation erzeugen, sondern langfristige Kompetenzen fördern, die für die Lebens- und Berufswelt des 21. Jahrhunderts unverzichtbar sind.
Mag. Markus Reiter-Strouhal
Lehrer und Erasmus+ Koordinator am Bundesgymnasium Zehnergasse in Wr. Neustadt
Dezember 2025




